Im Liegewagen von Kiew zurück nach Berlin

Kraftwerk spielen gerade ihr bekanntes Stück „Autobahn“ als wir, die „Tschernobyl-Gruppe“, den Veranstaltungsort endlich erreich erreichen. Nur rund 300 Menschen passen in den Innenhof eines Nobelkomplexes in der Innenstadt – wir sind aber geladene Gäste der Botschaft im Zusammenhang mit den deutsch-ukrainischen Wochen in der Ukraine.

Da hervorragende Konzert mit einem begeisterteten Publikum, wann sieht man schonmal Kraftwerk live und dann auch noch in Kiew (auch in Deutschland macht die Band ja nicht gerade durch ausgedehnte Touren von sich reden), ist leider viel zu schnell vorbei. Nun ist es erst gegen elf Uhr und die Teilnehmer sowie die Organisatoren und Freunde wollen alle nochmal einen letzten schönen Abend haben.

Basisdemolratisch wird sich für eine Kneipe entschieden, in der die Bierpreise akzeptabel sind. Nach ein paar Runden Bier mache ich mich Markus auf, um unser Equipment, welches noch im Orga Appartment liegt, zu holen und dann mit den anderen zu einem der Teilnehmer Appartments zurückzugehen. Immerhin wartet dort noch ein gut gefüllter Kühlschrank auf seine Leerung. Gegen zwei wird es den letzten zu spät und man verabschiedet sich in eine kurze Nacht.

Die ersten Wecker klingeln um 6 Uhr, zwei Stunden vor der Abfahrt des Zuges, in unserem Appartment übernachteten geschätzte zehn Frau/Mann. Man kann sich also die Hektik vor der Morgentoilette und Dusche vorstellen. Team Nord, also wir, ist zuerst fertig und begibt sich gleich zur Metro, um am Bahnhof noch die letzten ganz wichtigen Grundversorgungen, Essen und Bier, einzukaufen. Rechtzeitig trudeln auch alle anderen Teams ein und wir können die Besetzung unseres Wagens beginnen.

Da die Kabinen keine Fenster zum Öffnen besitzen, sind die Kabinen gefragt, welche sich genau gegenüber eines Gangfensters befinden. Unser Team hat Glück oder die größte Durchsetzungskraft und wir bekommen eine solche Kabine. Zu unserer Freude steht auf dem Tisch eine Flasche Bier und ein Apfelsaft. Zumindest ist auf der Flasche ein Apfel abgebildet, es schmeckte aber eher wie normaler Energy-Drink. Auch gut, immerhin ist dieser besser zu mischen.

Pünktlich holpert der Zug los und alle warten auf das Highlight der Fahrt – die schon aus dem Hinweg bekannten Barbuschkas, welche am Bahnhof von Kovel ihre selbstgekochteten Spezialitäten an die Fahrgäste verkaufen. An besagten Bahnhof, übrigens der letzte lange Halt in der Ukraine, stürzen wir uns alle aus dem Zug um den Omis quasi ihr Essen aus den Tüten leer zu kaufen. Wir sind zu frieden, denn wir können unsere leeren Mägen mit hervorragenden Essen füllen und die Frauen freuen sich über gutes Geld. Neben den gefüllten Teigtaschen, kam von ihnen auch Obst oder Gemüse, Getränke und die obligatorischen Zigartetten kaufen. Diese sind wohl in der Ukraine unschlagbar billig – 0,80€.

Am Abend erreichen wir die ukrainisch-polnische Grenze. Neben der Kontrolle der Reisepässe erfolgt hier auch ein gut zweistündiger Spurbreitenwechsel. Das heisst im Konkreten, dass jeder einzelne Wagen angehoben wird, das breite ukrainische Fahrgestell abmoniert wird, dieses unter dem Zug hindurch weggefahren wird, und ein „normal“ breites Fahrgestell wieder anmontiert wird. Neben dem Problem der Wartezeit sind die verschlossenen Klos das weitaus größere Problem. So bildet sich, nachdem der Zug zur polnischen Kontrolle wieder rollt, eine lange Schlange vor dem einzigen Klo eines Waggons.

Da Polen die Aussengrenze der EU wird hier besonders genau hingeschaut, was jeder einzelne Passagier denn in die EU einführen möchte. Auf uns „harmlose Deutsche“ wird weniger geachtet, allerdings fallen zwei Frauen auf, und sogleich wird deren Kabine von den Zollbeamten auseinander genommen. Sie wollten mehrere Stangen durch den Zoll schmuggeln und wurden nun dabei erwischt. Logischerweise dauert nun der Aufhenthalt noch etwas länher und nach einer weiteren Wartestunde geht es endlich weiter. Bis Warschau bleiben die meisten noch wach, doch dann, mittlerweile ist es kurz vor elf, übermannt die meisten der Schlaf.

Als wir aufwachen sind wir schon in Deutschland. Hektik bricht aus, denn jeder muss sein Gepäck wieder zusammenpacken, denn die Hauptstadt ist nun quasi nur noch einen Steinwurf entfernt. Mit einer Stunde Verspätung erreichen wir Berlin. Mit einem lachenden Auge, wieder zurück, und einem Weinenden, aufgrund der vielen geschlossenen neuen Freundschaften, verabschieden wir uns. Die meisten werden sich sicherlich in irgendeiner Form irgendwie und irgendwann wieder sehen. So wie ich auch die Ukraine. Es ist alles nur eine Frage der Zeit …



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