Rückfahrt

Es wird dunkel, draußen vor den Fenstern, aber das Neonlicht genau über geht bei diesem Duell klar als Sieger hervor. Man stelle sich die Situation folgendermaßen vor: Eurocity zwischen Praha und Dresden, ein ungarischer Kurswagen, denn der Zug hat den Lauf Budapest-Berlin und ein fast leeres 6er Abteil in dem Johanna, eine Workshopteilnehmerin aus Berlin und ich und schon sehr gut eingerichtet haben. Leider haben die Wagen der MAV (Magyar Államvasutak – Ungarische Staatsbahn) im Gegensatz zu denen der ČD (České dráhy – Tschechische Staatsbahn), keine Steckdosen in den Abteilen. Den Akku habe ich vorausschauend aber schon mal voll aufgeladen. So schreibe ich diese Zeilen im Zug sitzend schon vor, um sie dann nachher, also in rund 8h in Hamburg, ins Netz zu stellen.

Das Bloggen, wenn man es denn überhaupt so nennen darf, kann aber nicht wirklich entspannender sein, denn ich lasse mich vom iPod beschallen, habe ein Bier neben mir stehen und die tschechischen Käsesticks sind auch nicht allzu weit weg und gleich auch leer. Was soll man auch machen auf einer 12-stündigen Zugfahrt?

Aber genau während solcher endlosen und endlos schönen Zugfahrten durch Täler, Städte und durch Berge (mittels Tunnel) kommt wieder das alt bekannte Gefühl des Fernwehs. Eigentlich realisiere ich erst jetzt richtig, dass ich ja in Tschechien war und sogar noch bin. Endlich wieder warten auf den schon verspäteten Zug, das Bangen, dass man den Anschlusszug nicht verpasst und natürlich die Aufenthalte in Orten, welche man wohl niemals „mal einfach so“ besuchen würde aber sie gerade deswegen ihren persönlichen und ganz eigenen Charme haben.

Ich mag die Industrieruinen, die riesigen sozialistische Bahnhofshallen (inklusive riesigem Wandbild der ehemaligen Tschechoslowakei) mit ihren winzigen Kiosken und der Oma drinnen, die Zeitungslesend auf ihre Kundschaft wartet. Ich mag es den Bahnhofssprecher nicht zu verstehen, aber doch die richtige, die intuitive Entscheidung zu treffen und dann doch den anderen Bahnsteig zu wählen und ich mag Tschechien.

Aber leider kam letzteres bei dem Workshop etwas kurz. Klar, wir fuhren mit dem öffentlichen Bus, trafen auch „richtige Tschechen“ und natürlich wurde auch tschechisches Bier getrunken. Aber das (wohlige) Gefühl nicht mehr in Deutschland zu sein und damit „unterwegs“, kam nie so richtig auf. Eigentlich erst jetzt, auf der Rückfahrt.

Also genieße ich die letzten Stunden im Zug, ehe ich mir ab dem Grenzübertritt wieder nichts sehnlicheres Wünsche als endlich wieder daheim in Hamburg zu sein – klingt verwirrt, ist es auch!

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