Der lange Weg nach Chisinau


Berlin – Chisinau auf einer größeren Karte anzeigen; rot = Zug, blau = Daumen

Der Sommer ist nun wohl definitiv zu Ende. Zeit also um ihn in Bildern und Geschichten aus dem „Osten“ etwas hinterher zu sehnen. Zwei Beiträge sind – entgegen der sonst hier üblichen Chronologie – bereits gesondert erschienen: nämlich einer über das Fußballstadion im Bratislavaer Stadtteil Petržalka und über den Aufenthalt in Transnistrien (hier gesondert auf Englisch). Doch angefangen hat das Ganze bereits viel früher, ganz woanders und noch viel aufregender.

Los geht’s in Budapest

Budapest, Freitag der 3. August. Die Reise beginnt also in der ungarischen Hauptstadt, mehr oder weniger. Denn wenig ereignisreich ereiche ich nach gut zwölfstündiger Fahrt meinen Ausgangspunkt am Abend. Budapest ist nur der Auftaktort meiner Reise nach Moldawien und Ukraine, sodass ich dort gleich nach der Nacht und einem frisch zubereiteten Frühstück auf den Weg mache. Bereits vormittags ist es brütend heiß, der voll beladene Rucksack auf den Schultern tut sein übriges. Gleich zu Anfang dieser Reise werde ich, wie auch in den darauf folgenden Tagen, von einer Hitzewelle verfolgt. Besser als Regen jedenfalls, nur erhöht sich das Kampfgewicht damit auf drei Kilogramm in Form von Wasserreserven. Man kann nämlich nie wissen, wie lange man mit Daumen aber meistens einem Schild neben der Straße steht.

Doch der Auftakt gelingt nach Maß. Bereits nach wenigen Minuten an einer Autobahnauffahrt gen Deberecen – meinem zweiten Zwischenstopp – hält eine junge Familie die auch ebendort hin möchte. Das Auto ist dank Klimaanlage gut gekühlt, die Wasservorräte werden damit fürs erste nicht gebraucht. Nach der raschen Ankunft bleibt genug Zeit um den restlichen Tag meinem Derbecener Host beim renovieren einer Wohnung zu helfen. Was sogar ein wenig Spaß macht und die Arbeit am Ende des Tages mit einem eiskalten Bier auch entsprechend gewürdigt wird.

Zum Durchhalten ein Eis

Der Sonntag beginnt früh für mich, soll es doch über die Grenze nach Rumänien gehen. Der ausgesuchte Trampspot liegt an einer Ausfallstraße Richtung Süden, um dort auf eine größere Straße ins Nachbarland zu gelangen. Die Sonne platzt mir abermals auf mein Haupt und meine Wasservorräte neigen sich nach gut zwei Stunden Wartezeit langsam dem Ende zu. Dagegen leistet der gegenüberliegende Aldi-Markt schnell Abhilfe und belohnt mich noch mit einem Eis. Nach gut einer weiteren Stunde und einem Reifenplatzer eines vorbeifahrenden LKWs erbarmt sich ein Vater mit Sohn mich ein Stück mitzunehmen.

Er lässt mich an einem Kreisel raus, an dem es glücklicherweise sogar schon Schilder gibt die nach Rumänien deuten. Diese seien mit den Ungarn nicht so dicke, wie man mir auf der Reise das ein oder andere Mal erzählt, nie weiß ich ob ich besser den ungarischen oder lieber den rumänischen Namen der Zielstadt sagen sollte (meistens kennen nämlich die Ungarn nur den ungarischen Namen der rumänischen Städte, der mir aber äußerst fremd vorkommt und vice versa).

Doch am Kreisel muss ich in der Mittagshitze nur kurz verweilen, ein junger Mann nimmt mich bis nach Oradea, der ersten Stadt hinter der Grenze mit. Ich erinnere mich, war ich doch hier bereits vor fünf Jahren „gestrandet“ und auch das Ziel war damals das gleiche: die Studentenstadt Cluj-Napoca. Nur war damals der Zug das Reisemittel der Wahl, diesmal wollte ich es wissen und blieb hartnäckig an der Straße stehen. Doch irgendwie schlug das Pech wieder zu, erst der dritte Trampspot und etliche Stunden später hielt endlich ein Minibus mit einigen Fahrgästen neben mir und bot mir an einzusteigen.

Rumänien: vielleicht doch nicht das Tramperparadies…

Ob ich für die restlichen Kilometer bis Cluj, gut 150km, bezahlen sollte oder nicht war bis zum Ende für mich nicht wirklich klar. Mir ist es aber auch herzlich egal, die Hauptsache ist, dass es voran geht. Kurz vor Cluj hält der Fahrer dann plötzlich an, ich solle aussteigen macht er mir deutlich. Doch anstatt auf mein Geld deutet er auf einen anderen Wagen, der dort – auf dem Seitenstreifen der neuen Autostradă Transilvania – bereit steht.

Der Fahrer des Minibusses verabschiedet sich von mir und wünscht mir noch eine gute Reise, der „neue“ Fahrer und seine mutmaßliche Frau begrüßen mich. Ob dieses Manöver, abgesprochen ist, sich die beiden Fahrer kennen oder ob dies alles purer Zufall ist, konnte ich nicht herausbekommen. Sehr wohl gekomme ich schnell mit, dass ich mal wieder riesiges Glück habe. Denn anstatt mich an einer Bus- oder Taxistation rauszuwerfen, wie von mir gefordert, bringt mich das Ehepaar bis zur Haustür meines Hosts.

Dieser epfängt mich bereits mit Spaghetti und Dosenbier und abermals wird mir klar, dass der Weg das Ziel ist – manchmal das Ziel aber noch den Weg übertrifft. Das erste Mal meiner Reise kann ich wirklich ausschlafen. Nach den (kleineren aber schon fast wieder vergessenen) Strapazen des Vortages ziehe ich es vor die nächste Etappe nach Iasi mit dem Zug zurückzulegen. Diese Fahrt wird aber nicht weniger anstrengend, zuckelt die Regionalbahn doch rund neun Stunden die rund 440 Kilometer bis fast nach Moldawien durch die Landschaft. Diese weiß aber durchaus mit ihren Reizen zu beeindrucken, fast an jedem Halt in der Bukowina würde ich am liebsten aussteigen. Und wieder brennt die Sonne von oben, diesmal auf die in die Jahre gekommenden blauen Wagen der rumänischen Bahn. Um den stickigen 6er-Abteilen zu entkommen stehe ich fast die ganze Fahrt im Gang am offenen Fenster und lasse die Landschaft an mir vorbeiziehen.

Die letzte Etappe

Spät abends, es ist bereits dunkel, erreiche ich Iasi. Vor dort geht es dann nach einem unerwartet ausgelassenen Abend und etwas geschlaucht am Dienstag wieder an die Straße. Das Ziel Chisinau ist nah (nur rund 150km), doch ich mache mir eigentlich keine große Hoffnungen dort schnell hinzugelangen. Eine direkte Straße gibt es nicht wirklich, noch dazu ist die Grenze dazwischen. Am Rand der Stadt stelle ich mich in eine Parkbucht einer viersprurige staubige Straße die ich nach einem jängeren Fußmarsch nach abermaliger Hitze erreiche. In der einen Hand halte ich ein kleines Schild mit dem verwegenen Ziel Chisinau, in der anderen die obligatorische Wasserflasche.

Mal wieder erweist sich die übliche Denke als falsch und der beschissenste Platz beschert die besten Lifts: zwei Männer halten an und bringen mich, durch die hügelige (rumänische) Region Moldau bis zur Grenze. Geschafft! Die schwierigste wäre damit Etappe geschafft. Der Grenzübergang ist reichlich überdimensioniert, sodass ich den rumänischen Grenzpolizisten auf einem Stuhl im Schatten dösend fast übersehe. Etwas demotiviert ob der Störung und leicht verwundert ob meines fehlenden Transportmittels checkt er meinen Pass, hat aber nix dagegen, dass ich weiter gen Osten laufe.

Doch dann erreiche ich die „richtige“ Grenzstation, die Beamten dort sind erbahmungsloser: „Ohne Auto können sie hier nicht passieren!“ Okay, kein Problem denke ich mir. Ich quatsche die erstbeste Gelegenheit an, eine Familie aus Italien kommend, ob sie mich die wenigen 100 Meter bis zum moldawischen Grenzposten mitnehmen könnten – können sie dankenswerterweise. Dort angekommen, zeigen sich auch die moldawischen Beamten etwas ratlos, was sie mit mir anfangen können – muss doch jeder Einreisende auf ein Auto registriert werden, mit dem er einreist. Kurzerhand loggt man mich auf irgendein vorbeifahrendes Kennzeichen ein. Damit ist die Bürokratie auch überlistet und ich kann endlich moldawischen Boden betreten. Kaum ist meine Wasserflasche wieder im Rucksack verstaut, hält auch schon ein Minibus neben mir und bringt mich schnurstracks nach Chisinau. Ich bin da!

Chișinău

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