Irkutsk, das „Paris des Ostens“

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Rattert man mit der Straßenbahn das erste Mal über eine der wenigen Brücken der darunter fließenden Angara, fällt auf, dass der einzige Abfluss des Baikal-Sees nicht zugefroren ist. Dieser Zustand, maßgeblich bedingt durch die höhere Fließgeschwindigkeit flussabwärts des örtlichen Wasserkraftwerks, ändert sich nur einige Kilometer weiter wieder in den gewohnten Zustand: Eis. Die essbare Variante wird, den „sibirischen“ Temperaturen sei dank, an der frischen Luft auf dem zentralen Markt feilgeboten. Zahlreiche weitere Speiseeiskioske verkaufen das zurzeit niemals schmelzende Stiehleis in der ganzen Innenstadt, um der sich die Angara herum biegt.

Die zentrale Einkaufsstraße der verhältnismäßig alten Stadt (gegründet 1651) ist nach Karl Marx benannt und verläuft parallel zur Angara. Unweit des obligatorischen Lenindenkmals kreuzt sie die zweite wichtige Straße, die Uliza Lenina. Die Innenstadt wird maßgeblich von neueren Bauten bestimmt, allerdings immer wieder mit alten Holzhäusern durchsetzt. Letztere dominieren – in unterschiedlichen Zuständen – auch die äußeren Viertel, ehe der letzte „Ring“ (post)sowjettypisch von Plattenbauten geprägt wird.

Die rund 600.000 Einwohner zählende ostsibirische Stadt bildet seit jeher das wichtigste Zentrum der Region, mit dem gut 70 Kilometer entfernten Baikalsee, und dient zugleich als Sprungbrett in den „Fernen Osten“ – die östlichste Region der riesigen russischen Föderation.

Doch nicht nur aufgrund der Zeitverschiebung, plus fünf Stunden in Bezug zu Moskau, merkt man den Abstand zum russischen Zentrum: Von der fernen Hauptstadt lässt man sich hier nicht gern den Kurs diktieren, wie man aus Gesprächen herausklingen hört. So wird die hiesige Wirtschaftspolitik der Machtzentrale durchaus offen kritisiert und artikuliert. Beispielsweise musste nach breitem öffentlichen Protesten der Bau einer Ölpipeline überarbeitet und diese schlussendlich verlegt werden. Die Pipeline drohte die einmalige Natur und Umwelt des Baikals zu gefährden.

Warum sich nun aber laut Reiseführer gerade das eher zweckmäßig gebaute Irkutsk mit der französischen Hauptstadt vergleichen darf, kann an dieser Stelle nicht beantwortet werden. Ein die Plattenbauten überragender Sendemast aus Stahlträgern wird es wohl – trotz der konstruktionellen Ähnlichkeit – nicht sein.

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