Wie ich mit Lukaschenko ein Bier trank

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Bereits die vierte Woche in der belarussischen Hauptstadt neigt sich dem Ende zu: Zeit für ein paar kleinere Anekdoten und einen kurzen Rückblick auf unser belarussisches Wohnheim, Einheimische die das System ihrer Staatsbahn nicht verstehen und eine Odyssee durch Grodno.

Natürlich war alles perfekt organisiert, als ich vor einigen Wochen mit dem Zug nach Minsk komme. Dank Jan, der hier bereits seit einem Semester studiert, wurden das Internationale Büro (dort musste unter anderem noch die obligatorische Krankenversicherung für Ausländer abgeschlossen werden) und mein Unterkunft schnell gefunden. Zentraler kann man eigentlich nicht in Minsk wohnen: Unser Wohnheim Nr. 6 befindet sich in Sichtweite des (sich zur Zeit leider wegen Umbauarbeiten geschlossenen) Dynamo-Stadions, in direkter Nähe zur Metro, dem Bahnhof und dem zentralen Nesawisimosti Prospekt – sowie genau gegenüber des „Kryschtal’“-Wodkawerks. Diese unterhält praktischerweise sogar einen Werksverkauf, dessen Verkaufspreise allerdings mit denen im nahen Magasin nahezu identisch sind. Aber theoretisch ist der Konsum von Alkohol im Wohnheim sowieso untersagt.

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Wir teilen uns zwar zu dritt ein Zimmer und die Betten füllen fast den gesamten Raum aus, doch die größten, wenn auch verschmerzbaren Nachteile (gegenüber dem Luxusheim in Irkutsk), sind die Toiletten ohne Klodeckel (wären es doch wenigstens Hocktoiletten), die Duschen im Keller (wobei wir noch Glück haben, bei neun Stockwerken gleich im ersten zu wohnen) und die Küche ohne jegliche Kochutensilien. Immerhin gibt es einen Wasserkocher für den täglichen Tee und Mitbewohner Paul hatte die geniale Idee seinen Sandwichtoaster mitzubringen – das grundsätzliche Überleben ist also gesichert.

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Bevor es allerdings richtig mit dem Studieren losgehen konnte, mussten wir noch der „studentischen Poliklinik“ einen Besuch abstatten. Dort wollte man sicherstellen, dass die mitteleuropäischen Wohnheimbewohner keine Krankheiten ins Wohnheim einschleppen – dazu gehörte unter anderem auch eine Röntgenaufnahme, um eine Tuberkuloseerkrankung auszuschließen. Auffällig war, dass es für Studenten aus Turkmenistan – von denen es ohne Frage einige an der Belarussischen Staatlichen Universität gibt – laut Türschild einen eigenen Arzt gab. Oder besser gesagt ein eigenes Ärztinnenteam (Ärzte sind in Belarus ausschließlich weiblich): eine Doktorin für die Untersuchungen, die andere für das Festhalten der Untersuchungsergebnisse auf einem abgerissenen DIN A5 Blatt – unserer „Krankenakte“.

Nachdem wir für ausreichend gesund befunden wurden, ging es zur Festlegung des Stundenplanes. Dieser besteht aus täglich zweimal 80 Minuten Unterricht in den Fächern „Phonetik“, „Grammatik“, „Videokurs“, „Sprachliche Etikette“ oder „Belarus – Kultur und Traditionen“. Bestehen erstere aus unterschiedlichen Übungen zum Russischlernen, werden in letzterem vor allem die unterschiedlichen Städte des postsowjetischen Landes und deren Sehenswürdigkeiten behandelt (die Politik wird explizit außen vorgelassen).

Um diese auch in der Realität zu betrachten, muss man natürlich die Hauptstadt verlassen. Dazu nutzten wir die bisherigen Wochenenden, um so dem Schlosskomplex Mir und den westbelarussischen Städten Grodno (im Länderdreieck Belarus-Litauen-Polen) und Brest (welches sich unmittelbar an der polnischen Grenze befindet) einen Besuch abzustatten. Dank exorbitant günstiger Bahnpreise – pro Strecke jeweils rund drei Euro, bei rund 300 km Entfernung – wurde dies kein teures Unterfangen

Für viele Verbindungen gibt es neben den (postsowjetisch) klassischen Liegewagen* auch den Obschtschij Wagon, bei dem meistens dieselbe Wagengattung wie bei Platzkartе verwendet wird. Allerdings werden dann die Liegen hochgeklappt, sodass anstatt sechs Menschen, neun unterkommen. Das Problem dabei ist, dass an den Sitzplätzen sowohl die Nummern für die Platzkarten, als auch für Obschtschij vermerkt sind, die sich erheblich unterscheiden können.

So war es auch während der Hinfahrt nach Grodno. Doch da sich die viele Passagiere an den falschen Nummern orientierten, saßen diese natürlich auf den völlig falschen Plätzen. Um mich herum wechselten so noch vor Fahrtantritt nahezu alle Mitfahrerinnen und Mitfahrer ihren Platz. Erst die Schaffnerin klärte das heillose Durcheinander auf. Mir war es doch etwas unbegreiflich, warum dieses doch ziemlich einfache System – die jeweiligen Nummern samt Bezeichnung für die Wagenklasse, also Platzkarte oder Obschtschij, sind an jedem Platz deutlich vermerkt – bei vielen Einheimischen scheinbar (und im Gegensatz zu uns „Touristen“) zu erheblicher Verwirrung führte. Immerhin kam man durch dieses „Bäumchen-Wechsle-Dich-Spiel“ innerhalb des Wagons schnell ins Gespräch und man konnte auch mal den Belarussen bei der Orientierung helfen.

Die Retourkutsche kam dann aber bereits auf der Rückfahrt nach Minsk. Der Weg von einem der Plattenbauviertel, wo Jan und ich bei einer couchsurfenden Familie unterkamen, zurück zum Grodnoer Bahnhof war theoretisch einfach zu bewältigen – ebenso problemlos wie am Vortag, nur eben in die entgegengesetzte Richtung. Doch der erste Bus, der uns eigentlich direkt zum Bahnhof bringen sollte, hielt plötzlich inmitten des Wohngebietes an und alle Fahrgäste mussten aussteigen. Der Busplan an der nahen Haltestelle hielt keine weiteren Busse mit unserem Ziel bereit, sodass wir auf eine „wesentliche teurere“ Marschrutka zurückgreifen mussten (35 Cent anstatt 12 Cent für den Bus).

1,13 Euro
Reich an Scheinen – 1,13 Euro im Portemonnaie

Wir wunderten uns zwar ob der Fahrtrichtung, fühlten uns aber durch die deutliche Aufschrift Woksal (für Bahnhof) in der Richtigkeit unserer Entscheidung zum Einstieg bestätigt. Doch auch diese Fahrt sollte inmitten der Plattenbauten enden. Eine kurzes Gespräch mit dem Fahrer bestätigte unsere Vermutung: abermals falsche Richtung. Doch der Fahrer beruhigte uns, „setzt euch einfach hin, in ein paar Minuten geht’s weiter.“ Abermals durchquerten wir das nun bereits Gekannte und kamen schließlich nach einer geschlagenen Stunde am Ziel an – dankenswerterweise auch nur für den einfachen Fahrpreis. Im Zug gab es diesmal weniger Probleme seitens unserer Mitfahrer, fuhren wir doch nun Platzkarte zurück.

Und warum ist dieser ganze Text nun mit dem belarussischen Präsidenten Lukaschenko verknüpft? Diese abschließende Geschichte trug sich in Kellerräumlichkeiten unter dem Wirtschaftsministerium zu – einem Musikpub. Zusammen mit anderen Couchsurfern saßen wir an einem Tisch und erzählten uns gegenseitig lustige Geschichten, die das Leben bekanntlich so zahlreich schreibt. Etwas später setzte sich eine weitere Couchsurferin, Kira, mit an unseren Tisch. Auf die Frage aus der Runde, was denn das lustigste Detail ihrer Biografie wäre, antwortete sie trocken: „Mein Nachname…!“

* Diese wären, geordnet von teuer bis preiswert: „СВ“ („SW“) – Luxusschlafwagon mit 2 Betten je abgetrenntem Abteil; купейный вагон (kupejnyj wagon) – Schlafwagen mit vier Liegen in einem abgetrennten Abteil; плацкартный вагон (plazkartnji wagon) – offener Liegewagen ohne Abteile; общий вагон (obschtschij wagon) – keinerlei Liegemöglichkeiten.



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