Kein Eishockey für Regimekritiker
No ice hockey for dissidents

2014 IIHF World Championship

Until 25 May the annual Ice Hockey World Championships are being held in Belarus. In the shadow of the matches, the authoritarian regime of President Alexander Lukashenko shows its true colours.
 
Noch bis zum 25. Mai findet in Belarus (Weißrussland) die diesjährige Eishockey-WM statt. Im Schatten der Spiele zeigt das autoritäre Regime des Präsidenten Alexander Lukaschenko sein wahres Gesicht.
Right on a street corner on the Independence Prospekt in Minsk a small dance group tries to create a welcoming atmosphere. Two elderly ladies and a man, all wearing traditional costumes, know how to inspire the surrounding tourists as well as locals. Attention is certainly theirs. Some of this attention is not welcome; barely two minutes after the start of the performance two OMON security forces appear. They meander through the crowd and exchange a few words with the dancer: The show is over. Unscheduled atmosphere is not tolerated by the Belarusian authorities led by President Alexander Lukashenko.
 
Direkt an einer Straßenecke auf dem Unabhängigkeitsprospekt in Minsk möchte eine kleine Tanzgruppe für etwas Stimmung sorgen. Zwei ältere Damen und ein Herr in traditioneller Tracht wissen schnell Touristen wie Einheimische für sich zu begeistern. Aufmerksamkeit ist ihnen gewiss. Auch eher ungebetene: Denn kaum zwei Minuten nach dem Beginn der Darbietung erscheinen zwei OMON-Sicherheitskräfte, schlängeln sich durch die Zuschauer und wechseln ein paar Worte mit dem Tänzer. Die Show ist vorbei. Außerplanmäßige Stimmung wird im belarussischen Regime von Präsident Alexander Lukaschenko nicht geduldet.
The Ice Hockey World Championship in the autocratic former Soviet republic is strictly organized. While hockey fans celebrate in the fan village next to the Sports Palace or in and around the two sport venues and have loud parties late into the evening, in the background the World Cup is far less easy-going.
 
Denn die am 9. Mai angelaufene Einhockey-WM in der autokratischen Ex-Sowjetrepublik ist strikt durchorganisiert. Zwar geht es auf der Fanmeile neben dem Sportpalast oder im Umfeld der beiden Spielstätten locker zu und viele Eishockey-Fans feiern ausgelassen bis spät in den Abend. Doch im Hintergrund der Weltmeisterschaft ging und geht es weit weniger erbaulich vor.

2014 IIHF World Championship

As the Swedish NGO Swedwatch points out in a report, “forced labourers” were used during the construction of Chizhovka-Arena. This is the slightly smaller of the two stadia where the World Cup matches take place. According to Swedwatch, those “forced labourers” were prison inmates, alcoholics or homeless people. Furthermore the municipality of Minsk announced that it wanted to cleanse the city of all so-called “anti-social elements” in advance of the championship. For the authorities those “elements” are homeless people, alcoholics or prostitutes; it is common practice in Belarus to detain such people in special labour camps.
 
Wie die schwedische NGO Swedwatch in einem Report darlegt, wurden beispielsweise „Zwangsarbeiter“ beim Bau der Tschyschouka-Arena eingesetzt. Diese ist die etwas kleinere der zwei Hallen, in denen WM-Spiele stattfinden. Zu diesen Zwangs- verplfichteten gehörten Swedwatch zufolge Gefängnisinsassen, Alkoholsüchtige oder Obdachlose. Auch kündigte die Minsker Stadtverwaltung im Vorfeld der Eishockey-Weltmeisterschaft an, die Stadt von „asozialen Elementen“ säubern zu wollen. Darunter werden Obdachlose, Alkoholsüchtige und Prostituierte verstanden, die nach belarussischer Praxis in speziellen Arbeitslagern inhaftiert werden.
In fact, in the streets people of that group are not visible, but this was not the case in the past. A Belarusian journalist who works for the independent TV station Belsat, which broadcasts from Poland, confirmed that those people were frequently battered by the police and maltreated. She considers tough intervention due to the World Cup to be a possibility. But she does not want her name to be published because, like many other critical journalists, she cannot officially become accredited in Belarus and could therefore get into problems with the authorities.
 
Tatsächlich fallen im Straßenbild keinerlei Menschen auf, die man jener Gruppe zurechnen könnte – allerdings war dies auch in der Vergangenheit nicht der Fall gewesen. Eine belarussische Journalistin, die für den aus Polen sendenden unabhängigen TV-Sender Belsat arbeitet, bestätigt, dass jene Menschen des Öfteren von der Polizei einkassiert und teilweise misshandelt werden. Sie hält daher ein hartes Eingreifen aufgrund der WM für möglich. Ihren Namen möchte sie aber nicht veröffentlicht wissen, da sie sich wie viele andere kritische Journalisten nicht offiziell in Belarus akkreditieren kann und deshalb von den staatlichen Behörden Probleme bekommen könnte.

2014 IIHF World Championship

After the aforementioned Chizhovka-Arena was completed in December 2013, hundreds of students of universities in Minsk “even members of the prosecution” had to support the final works, as representatives of the Belarusian human rights organisation Viasna explained. However, according to the activists, these unpaid work assignments were “regarded as normal, because it is perceived as a remnant of the Soviet Subbotniks.” Therefore, protests didn’t occur at all.
 
Nach dem die erwähnte Tschyschouka-Arena im Dezember 2013 fertig gestellt wurde, mussten Hunderte Studenten der Minsker Universitäten und „sogar Mitglieder der Staatsanwaltschaft“ bei den letzten Arbeiten und beim Saubermachen mit anpacken, wie Vertreter der belarussischen Menschenrechtsorganisation Viasna erklären. Allerdings werden den Aktivisten zufolge diese unbezahlten Arbeitseinsätze „als normal angesehen, da es als Überbleibsel der sowjetischen Subbotniks empfunden wird.“ Daher hätte es kaum Proteste gegeben.
However, far greater attention was paid to the arrests before and during the Ice Hockey World Championship. According to Viasna nearly three dozen political activists were arrested and sentenced to prison for 10 to 25 days during this time. Mikalai Babushkin who was held in jail himself for three days and later tried, even states that 250 people have been detained. Plus several others are hiding in the country, or have fled abroad, at least for the duration of the World Cup.
 
Für weit größeres Aufsehen sorgen dagegen Festnahmen unmittelbar vor und während der Eishockey-Weltmeisterschaft. Nach Viasna-Angaben wurden fast drei Dutzend politische Aktivisten in Gewahrsam genommen und für 10 bis 25 Tage verurteilt. Mikalai Babuschkin, der selbst für drei Tage im Gefängnis festgehalten und auf Bewährung freigelassen wurde, sagt sogar, dass 250 Menschen inhaftiert seien. Hinzu kommen etliche weitere, die sich im Land verstecken oder – zumindest für die Dauer der WM – ins Ausland geflohen sind.

2014 IIHF World Championship

“The practice shows that elite international events held in dictatorships significantly worsen human rights situations in these countries”, said Alyaksandr Atroshchankau during an OSCE press conference in Warsaw. Atroshchankau in the past spent a long time in prison due to his journalistic and oppositional activities in Belarus. In addition to the Eurovision Song Contest in Azerbaijan and the Winter Olympics in Sochi, Atroshchankau explicitly denounced the Ice Hockey Championship in his home country.
 
„Die Praxis zeigt, dass internationale Großereignisse die Menschenrechtslage in Diktaturen erheblich verschlechtern“, erklärte Aljaksandr Atroschtschankau während einer OSZE-Pressekonferenz in Warschau. Atroschtschankau geriet in der Vergangenheit aufgrund seiner journalistischen und oppositionellen Tätigkeiten in das Visier der belarussischen Behörden und saß längere Zeit im Gefängnis. Neben dem Eurovision Song Contest in Aserbaidschan oder den Olympischen Winterspielen in Sotschi prangerte Atroschtschankau explizit die Eishockey-Weltmeisterschaft in seinem Heimatland an.
Lukashenko’s “special” legal conception also appeared in his more than 15-minute-long speech during the opening ceremony of the tournament in the Minsk-Arena: “I say it openly, we’ve had to overcome a lot of difficulties: blackmail, political pressure on the part of certain forces, which are prejudiced towards Belarus. Luckily common sense and respect for sport values have prevailed.”
 
Die besondere Rechtsauffassung Lukaschenkos trat auch bei seiner über 15 Minuten langen Rede während der Eröffnungszeremonie der WM in der Minsk Arena zu Tage: „Ich sag es offen: unser Weg zur WM war alles andere als leicht. Wir haben vieles überwinden müssen: Erpressung, politischen Druck seitens gewisser Organisationen, die ihre Vorurteile gegenüber Belarus nicht loswerden können. Zum Glück haben der gesunde Menschenverstand und die Achtung sportlicher Werte die Oberhand gewonnen.“
The Belarusian President added that he was pleased with the organisation of the World Cup, to offer “a great experience to all ice hockey fans”. But at least not all spectators in the sold out arena were convinced with this statement. As the anti-government news website Charter 97 reports, during the live broadcasting of his speech on state television the background noise was muted at a certain point to prevent the apparently too loudly articulated displeasure of the visitors in the hall from being heard.
 
Der belarussische Staatschef fügte hinzu, dass er sich freue mit der Ausrichtung der WM „allen Eishockey-Fans ein großartiges Erlebnis“ bieten zu können. Davon waren aber zumindest nicht alle Besucher in der mit 13.600 Zuschauern ausverkauften Arena überzeugt. Wie die regierungskritische Nachrichtenseite Charter 97 berichtet, wurden während der Live-Schaltung im Staatsfernsehen nach einer Weile die Hintergrundgeräusche stumm geschaltet, um den offenbar zu laut artikulierten Unmut der Arena-Besucher zu unterbinden.

2014 IIHF World Championship

Belarusian as well as numerous international human rights organizations criticized the championship’s organisation by “Europe’s last dictatorship”. The NGOs demanded the release of long-term political prisoners, including the founder of Viasna Ales Bialiatski and the former presidential candidate Mikola Statkevich, and the abolition of death penalty which continues to be applied in the Eastern European country. The last execution was indeed held during the Easter holidays immediately before the World Cup.
 
Belarussische sowie zahlreiche internationale Menschenrechts- organisationen kritisierten bereits bei der Vergabe wie auch unmittelbar vor dem Beginn der Weltmeisterschaft die Ausrichtung durch die „letzte Diktatur Europas“. Neben der Freilassung langjähriger politischer Gefangener – darunter Viasna-Gründer Ales Bjaljazki oder der ehemalige Präsidentschaftskandidat Mikalaj Statkewitsch – wird insbesondere die Abschaffung der nach wie vor angewendeten Todesstrafe in dem osteuropäischen Land gefordert. So fand die letzte Hinrichtung unmittelbar vor der WM statt, nämlich während der Osterfeiertage.
But the President of the International Ice Hockey Federation, René Fasel, appeared unimpressed by any criticism and remained faithful to his position: “We separate sport from politics.” But the best counterexamples are the currently dozens of activists in Belarusian prisons who are locked away for duration of the World Cup. Easygoing ice hockey matches certainly look different in this light.
 
Allerdings zeigte sich der Präsident der Internationalen Eishockey-Föderation, René Fasel, bis zuletzt von jeglicher Kritik unbeeindruckt und blieb seiner Position treu: „Wir trennen Sport von Politik.“ Augenscheinlichstes Gegenbeispiel sind die Dutzenden politischen Gefangenen in den belarussischen Gefängnissen, die für die Dauer der WM weggesperrt wurden. Unbeschwerte Eishockey-Spiele sehen sicherlich anders aus.
This article was published on 23.05.2014 on To4ka-Treff in Russian, too.
 
Dieser Artikel erschien auch am 23.05.2014 auf To4ka-Treff auf Russisch.



Ein Kommentar

  1. Andreas  hat geschrieben

    Hallo!

    Ich verstehe das nicht: bei der Fussball-WM soll all das okay sein, aber in Weißrussland nicht? Für die WM-Stadien in Brasilien sterben auch Menschen, werden Arme geräumt und wird mit Gewalt vorgegangen. Aber das ist ja eine Demokratie. Man hat den Eindruck dass die Meinungen und Feindbilder schon so eingeschliffen sind, das eine auch nur ansatzweise objektive Bewertung von solchen Ereignissen überhaupt nicht mehr möglich ist. Schade.

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