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Kein Eishockey für Regimekritiker

Im Mai 2014 fand in der belarussischen Hauptstadt Minsk die alljährlich Eishockey-WM statt. Im Schatten der Spiele zeigte das autoritäre Regime von Präsident Alexander Lukaschenko sein wahres Gesicht.
2014 IIHF World Championship
Direkt an einer Straßenecke auf dem Unabhängigkeitsprospekt in Minsk möchte eine kleine Tanzgruppe für etwas Stimmung sorgen. Zwei ältere Damen und ein Herr in traditioneller Tracht wissen schnell Touristen wie Einheimische für sich zu begeistern. Aufmerksamkeit ist ihnen gewiss. Auch eher ungebetene: Denn kaum zwei Minuten nach dem Beginn der Darbietung erscheinen zwei OMON-Sicherheitskräfte, schlängeln sich durch die Zuschauer und wechseln ein paar Worte mit dem Tänzer. Die Show ist vorbei. Außerplanmäßige Stimmung wird im belarussischen Regime von Präsident Alexander Lukaschenko nicht geduldet.

Denn die am 9. Mai angelaufene Einhockey-WM in der autokratischen Ex-Sowjetrepublik ist strikt durchorganisiert. Zwar geht es auf der Fanmeile neben dem Sportpalast oder im Umfeld der beiden Spielstätten locker zu und viele Eishockey-Fans feiern ausgelassen bis spät in den Abend. Doch im Hintergrund der Weltmeisterschaft ging und geht es weit weniger erbaulich vor.
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Wie die schwedische NGO Swedwatch in einem Bericht darlegt, wurden beispielsweise „Zwangsarbeiter“ beim Bau der Tschyschouka-Arena eingesetzt. Diese ist die etwas kleinere der zwei Hallen, in denen WM-Spiele stattfinden. Zu diesen Zwangs- verplfichteten gehörten Swedwatch zufolge Gefängnisinsassen, Alkoholsüchtige oder Obdachlose. Auch kündigte die Minsker Stadtverwaltung im Vorfeld der Eishockey-Weltmeisterschaft an, die Stadt von „asozialen Elementen“ säubern zu wollen. Darunter werden Obdachlose, Alkoholsüchtige und Prostituierte verstanden, die nach belarussischer Praxis in speziellen Arbeitslagern inhaftiert werden.

Tatsächlich fallen im Straßenbild keinerlei Menschen auf, die man jener Gruppe zurechnen könnte – allerdings war dies auch in der Vergangenheit nicht der Fall gewesen. Eine belarussische Journalistin, die für den aus Polen sendenden unabhängigen TV-Sender Belsat arbeitet, bestätigt, dass jene Menschen des Öfteren von der Polizei einkassiert und teilweise misshandelt werden. Sie hält daher ein hartes Eingreifen aufgrund der WM für möglich. Ihren Namen möchte sie aber nicht veröffentlicht wissen, da sie sich wie viele andere kritische Journalisten nicht offiziell in Belarus akkreditieren kann und deshalb von den staatlichen Behörden Probleme bekommen könnte.
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Nach dem die erwähnte Tschyschouka-Arena im Dezember 2013 fertig gestellt wurde, mussten Hunderte Studenten der Minsker Universitäten und „sogar Mitglieder der Staatsanwaltschaft“ bei den letzten Arbeiten und beim Saubermachen mit anpacken, wie Vertreter der belarussischen Menschenrechtsorganisation Viasna erklären. Allerdings werden den Aktivisten zufolge diese unbezahlten Arbeitseinsätze „als normal angesehen, da es als Überbleibsel der sowjetischen Subbotniks empfunden wird.“ Daher hätte es kaum Proteste gegeben.

Für weit größeres Aufsehen sorgen dagegen Festnahmen unmittelbar vor und während der Eishockey-Weltmeisterschaft. Nach Viasna-Angaben wurden fast drei Dutzend politische Aktivisten in Gewahrsam genommen und für 10 bis 25 Tage verurteilt. Mikalai Babuschkin, der selbst für drei Tage im Gefängnis festgehalten und auf Bewährung freigelassen wurde, sagt sogar, dass 250 Menschen inhaftiert seien. Hinzu kommen etliche weitere, die sich im Land verstecken oder – zumindest für die Dauer der WM – ins Ausland geflohen sind.
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„Die Praxis zeigt, dass internationale Großereignisse die Menschenrechtslage in Diktaturen erheblich verschlechtern“, erklärte Aljaksandr Atroschtschankau während einer OSZE-Pressekonferenz in Warschau. Atroschtschankau geriet in der Vergangenheit aufgrund seiner journalistischen und oppositionellen Tätigkeiten in das Visier der belarussischen Behörden und saß längere Zeit im Gefängnis. Neben dem Eurovision Song Contest in Aserbaidschan oder den Olympischen Winterspielen in Sotschi prangerte Atroschtschankau explizit die Eishockey-Weltmeisterschaft in seinem Heimatland an.

Die besondere Rechtsauffassung Lukaschenkos trat auch bei seiner über 15 Minuten langen Rede während der Eröffnungszeremonie der WM in der Minsk Arena zu Tage: „Ich sag es offen: unser Weg zur WM war alles andere als leicht. Wir haben vieles überwinden müssen: Erpressung, politischen Druck seitens gewisser Organisationen, die ihre Vorurteile gegenüber Belarus nicht loswerden können. Zum Glück haben der gesunde Menschenverstand und die Achtung sportlicher Werte die Oberhand gewonnen.“

Der belarussische Staatschef fügte hinzu, dass er sich freue mit der Ausrichtung der WM „allen Eishockey-Fans ein großartiges Erlebnis“ bieten zu können. Davon waren aber zumindest nicht alle Besucher in der mit 13.600 Zuschauern ausverkauften Arena überzeugt. Wie die regierungskritische Nachrichtenseite „Charter 97“ berichtet, wurden während der Live-Schaltung im Staatsfernsehen nach einer Weile die Hintergrundgeräusche stumm geschaltet, um den offenbar zu laut artikulierten Unmut der Arena-Besucher zu unterbinden.
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Belarussische sowie zahlreiche internationale Menschenrechts- organisationen kritisierten bereits bei der Vergabe wie auch unmittelbar vor dem Beginn der Weltmeisterschaft die Ausrichtung durch die „letzte Diktatur Europas“. Neben der Freilassung langjähriger politischer Gefangener – darunter Viasna-Gründer Ales Bjaljazki oder der ehemalige Präsidentschaftskandidat Mikalaj Statkewitsch – wird insbesondere die Abschaffung der nach wie vor angewendeten Todesstrafe in dem osteuropäischen Land gefordert. So fand die letzte Hinrichtung unmittelbar vor der WM statt, nämlich während der Osterfeiertage.

Allerdings zeigte sich der Präsident der Internationalen Eishockey-Föderation, René Fasel, bis zuletzt von jeglicher Kritik unbeeindruckt und blieb seiner Position treu: „Wir trennen Sport von Politik.“ Augenscheinlichstes Gegenbeispiel sind die Dutzenden politischen Gefangenen in den belarussischen Gefängnissen, die für die Dauer der WM weggesperrt wurden. Unbeschwerte Eishockey-Spiele sehen sicherlich anders aus.

Dieser Artikel erschien auch am 23. Mai 2014 auf To4ka-Treff, auch auf Russisch.

Beitrag abgelegt unter: Arbeit Belarus Politik Unterwegs

Ein Kommentar

  1. Andreas

    Hallo!

    Ich verstehe das nicht: bei der Fussball-WM soll all das okay sein, aber in Weißrussland nicht? Für die WM-Stadien in Brasilien sterben auch Menschen, werden Arme geräumt und wird mit Gewalt vorgegangen. Aber das ist ja eine Demokratie. Man hat den Eindruck dass die Meinungen und Feindbilder schon so eingeschliffen sind, das eine auch nur ansatzweise objektive Bewertung von solchen Ereignissen überhaupt nicht mehr möglich ist. Schade.

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