Kiew im Mai – Zurückgekehrt zur Normalität?

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Es ist herrlichsten Maiwetter. Wie bereits 2012 merkt man auch am Kiewer Flughafen sofort, dass für die (damalige) Fußball-EM einiges für die ausländischen Gäste getan wurde. Denn zahlreiche zweisprachige Schilder – Ukrainisch und Englisch – weisen den Weg aus dem Gebäude und direkt zu bereitstehenden Bussen gen Zentrum.

Es wirkt zuerst einmal, als wäre alles eigentlich ganz „normal“. Es fällt allerdings auf, dass sowohl auf der Baustelle gegenüber dem internationalen Terminal wie auch an sämtlichen weiteren im Bau befindlichen Gebäuden am Straßenrand keinerlei Arbeiter zu sehen sind. Die Kräne stehen still, wer investiert in diesen Tagen schon in ukrainische Immobilien? Ein weiterer Hinweis darauf, dass sich die Ukraine in einem Ausnahmezustand befindet, kommt nach wenigen Fahrtminuten: Eine Bushaltestelle an der Stadtautobahn wurde mit hunderten Sandsäcken zu einem improvisierten Straßenkontrollpunkt umfunktioniert. Ein etwas demotiviert blickender „Polizist“ winkt die Fahrzeuge durch, richtige Polizisten beobachten die Arbeit einige Meter weiter. Viel zu tun gibt es für alle nicht.

Doch es zeigt sich, dass sich immerhin der Wahlkampf für den neuen Präsidenten in vollem Gange befindet. Einerseits sind vom Bus aus viele kleine Wahlkampfstände zu sehen, wo Parteimitglieder eifrig die zahlreichen am 25. Mai zur Wahl stehenden Kandidaten anpreisen. Andererseits säumen riesige Billboard-Werbungen der Präsidentschaftsanwärter den Weg. Überraschenderweise sind auch unzählige Plakate der „Partei der Regionen“ des geschassten Präsidenten Wiktor Janukowytsch darunter: Eines davon stellt die Wahl zwischen „Krieg“ und „Frieden“ – ersteres dargestellt durch ein zusammengestürzten Gebäude, zweiteres durch spielende Kinder – ein anderes zwischen „Barrikaden“ oder „Metro“.

Am Abend habe ich mich dann mit Natalia verabredet, um mit ihr die aktuelle Lage zu diskutieren und um mich von ihr über den Euromaidan führen zu lassen. Die Lichter in der Innenstadt Kiews überstrahlen sich gegenseitig, die Straßen wirken wie frisch gefegt, der Verkehr rollt ohne Probleme. Nur die nach wie vor aufgestapelten Barrikaden, die Zelte und die zahllose Gedenkstätten für die getöteten Demonstranten veranschaulichen noch die Geschehnisse vom Anfang des Jahres.

Bewegt man sich jedoch durch die Straßen, kommt einem alles wie unheimlich vertraut vor: der mit Bannern geschmückte „Weihnachtsbaum“, das ausgebrannte Gewerkschaftshaus, das Eingangsportal zum ehemaligen Dynamo-Stadion, aber vor allem die Instituts’ka Straße – die nun (zumindest inoffiziell) Straße der „Helden der himmlischen Hundert“ heißt. Vor allem letztere erinnert mit den unzähligen Nelkensammlungen an die Opfer, die dort ihr Leben lassen mussten. Insgesamt wirkt es auf mich sehr surreal über den Maidan und die angrenzenden Straßen zu gehen, im Hinterkopf das ständige Wissen ob der irgendwie noch frischen Geschehnisse.

Der Platz selbst wirkt wie eine riesige Ausstellung und selbst gestalteter öffentlicher Raum. In einer Ecke dröhnt Drum’n’Bass aus einem Zelt, woanders flimmert eine riesige aufgestellte Leinwand und über allem liegt der Geruch von brennenden Holz der Lagerfeuer. Doch die Meisten, die noch vor kurzem hier für ein besseres Leben demonstrierten sind verschwunden. „Sie sind zurück an ihrem Arbeitsplatz“, erklärt Natalia. Nur einige Jugendliche in Flecktarn fallen auf. Aber nur weil sie mit ihren Freundinnen vor den Zelten herum albern und die Vorbeigehenden nach Zigaretten fragen.

Natalia erzählt mir auch, dass sie ihre aktuelle Arbeit vor allem dem Euromaidan zu verdanken hat: Aufgrund dessen, dass die Ukrainer zum Großteil den Kauf russischer Produkte ablehnen, wurden zahlreiche internationale Konzerne zum handeln gezwungen. Denn bisher wurden deren Produkte oftmals in Russland hergestellt und in die Ukraine importiert. Nun werden die Produkte aus dem „Westen“ herangeschafft. Und Natalia muss die Packungen von Shampoos oder Tee ins Ukrainische übersetzen.

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