Kohlsuppe, Bliny und der Ukraine-Konflikt

Kansk
Zu Besuch in Kansk. In der Mitte: Carlos.

Gerade so reicht der Platz für die Fahrgäste und das viele Gepäck. Der Bus wartet mit laufendem Motor. Noch zeigt das Thermometer einige Grad Minus an, ein kalter Wind pfeift über den Vorplatz des Flughafens Jemeljanowo. Der Tag bricht bereits langsam hervor, als sich Bus Nr. 635 in Bewegung setzt, um die Passagiere vom provinziell wirkenden Flughafen ins etliche Kilometer entfernte Krasnojarsk zu bringen. Die breite Ausfallstraße in die fast-Millionenstadt ist nahezu leer an diesem Sonntagmorgen, genauso wie die Blicke der Menschen auf ihre Smartphones oder aus dem Fenster. Draußen wirbt das Hotel „Baikal“ um Kundschaft. Der Name ist purer Euphemismus, liegt doch der riesige Süßwassersee noch weitere 1000 Kilometer im Osten. Doch für russische Verhältnisse sind das Katzensprünge – ebenso die Entfernung vom Flughafen ins Zentrum.

Doch dieses habe ich bislang nicht gesehen. Bis auf die Wege vom Wohnheim zum Vorlesungsraum, dem nahe gelegenen Supermarkt und dem Internationalen Büro habe ich von Krasnojarsk nach wie vor nichts gesehen. Denn schon am zweiten Tag wurden ich und mein spanischer Mitbewohner Carlos spontan von seiner russischen Freundin zu einem Besuch ihrer Großmutter eingeladen. Mir blieben fünf Minuten um Zahnbürste, etwas zu lesen und meine Kamera einzupacken, ehe wir bereits im Taxi zum Busbahnhof am anderen Ende der Stadt saßen, um von dort ins 250 Kilometer entfernte Kansk aufzubrechen.

Kansk

Dreieinhalb Stunden später empfängt uns die Großmutter am Busbahnhof, der sich direkt neben dem überdimensioniert anmutenden Bahnhof befindet. Zu Hause wartet Kater Wasja und ein großer Tropf Schtschi, eine köstliche Weißkohlsuppe. Um ihren Status als „richtige“ russische Babuschka zu untermauern, wird kurz darauf das volle Repertoire ausgeschöpft: hausgemachte Himbeer-Warenje, eingemachte Gurken und Kohl. Dazu literweise Schwarztee. Es ist weit nach Mitternacht, als wir müde ins Bett fallen.

Am nächsten Morgen wache ich vom Duft frischer Bliny auf. Am Esstisch sitzt bereits Carlos und mampft glücklich die in „extra viel Butter“ gebratenen Palatschinken, wie die Großmutter betont. Uns soll es an nichts fehlen. „Wenn nicht spätestens jetzt, wann dann bin ich in Russland angekommen?“, denke ich mir und bestelle gleich noch eine Portion.

Kansk

Die Oma umsorgt uns zwar vorzüglich, doch sie redet auch ohne Luft zu holen auf uns ausländische Gäste ein, so dass das Folgen nach ein paar Minuten schwer fällt. Und ihre ansonsten prächtige Stimmung wird immer dann getrübt, wenn sie das Thema Ukraine anreißt. Fast wütend wirkt sie in jenen Momenten. Beide Seiten sind sich zumindest in einem Punkt einig: Niemand möchte Krieg. Beim Betrachten alter Fotos kommt sie auf eine ihrer Schwestern zu sprechen, die im Nachbarland wohnt. Sie könne nicht verstehen, wie diese die dortige Regierung unterstützen könne. Hier wie dort seien es doch Russen, die einen mit ukrainischem, die anderen mit russischem Pass. Das Thema wird auch während unserer Besuche beim Bruder und der zweiten Schwester diskutiert. Bei beiden schauen wir am zweiten Tag vorbei, beide wohnen wie die Oma seit ihrer Kindheit in der 100.000-Einwohner-Stadt Kansk, die aber eher wie eine riesige Kleinstadt wirkt.

Doch letztendlich bleibt die Politik glücklicherweise ein Randthema. Lieber zeigt uns der Bruder sein Können auf seiner alten Geige, die Schwester tischt uns ihre Kochkünste auf – das ist Gastfreundschaft wie man sie nur „im Osten“ kennt und besonders zu zelebrieren weiß.

Kansk

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2 Kommentare

  1. Inch  hat geschrieben

    Ah, Klasse! Was den Ukraine „Konflikt“ betrifft ( für mich ist das ja längst ein Krieg), decken sich Deine Erfahrungen mit meinen in der Wahrnehmung der Russen

  2. […] ich die anderen Himmelsrichtungen von Krasnojarsk aus bereits bereist hatte (Kansk im Osten, Abakan und Minusinsk im Süden sowie Nowosibirsk, Tomsk und Taiga im Westen), ging nun […]

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