Wenn der Campus zum Werbeschlachtfeld wird

Ich checke meine Mails, was bekomme ich? Werbung! Ich schaue in meinen Briefkasten und was fällt mir schon halb entgegen? Werbung! Ich will nur schnell Mittag essen und natürlich werde ich von Werbung förmlich erschlagen.

Betrachtet man die Zielgruppenanalyse des „Uni-Spiegel“, wird auch klar warum, denn angeblich „sieht sich jeder fünfte Student als Innovator oder Trendsetter“. Folgerichtig könnten die Studenten „durch einen hohen Anteil an Meinungsführern Trends durchsetzen“, so das Fazit derselben Studie. Neben der Bildungselite soll nun also an den Hochschulen auch die deutsche Trendelite herangezogen werden?

Aber muss man es dann gleich mit dem Vorschlaghammer versuchen, sodass der Campus nach großen Verteilaktionen, wie der beliebten Unicum-Wundertüte, fast wie ein Schlachtfeld voller Müll aussieht? Apropos Schlachtfeld, wenn man den Reservisten der Bundeswehr, werbewirksam in Kampfkluft und Tarnschminke, so mitten auf dem Ernst-Abbe-Platz begegnet, könnte man meinen, dass der „kriegsähnliche Zustand“ zum neuen Trend werden soll. Besonders in den ersten Wochen eines jeden Semesters wird der Campus von den Werbern im Dauerzustand belagert. Hinzu kommen die im Semesterrhythmus wiederkehrenden Angebote wie der Posterverkauf oder der Verkaufsstand für die Zeitungsabonnements. Aber warum spielt die Universität dieses Spiel überhaupt mit? Und warum gibt es nicht wie in den allermeisten Schulen ein striktes Werbeverbot?

Man könnte meinen, dass Studenten mündiger als pubertierende Teenager sind. Oft beobachte ich aber dennoch, dass sich selbst gestandene Kommilitonen von Versprechungen, dem großen Gewinn oder bunten Bildchen verführen lassen – und wenn nix mehr hilft, dann flirtet eben die Standhostess bis zur Schamgrenze.

Leider wird der drastische Weg ohne Werbung kaum möglich sein. Das Studentenwerk wie auch die Uni werden auf diese zusätzliche Einnahmequelle nicht verzichten wollen, schlimmstenfalls nicht verzichten können. Trotzdem muss dieser Ausverkauf stärker eingeschränkt werden. Zum Beispiel könnte das Studentenwerk die Standgebühren drastisch erhöhen. So begrenzt sich das Angebot von selbst. Klar ist auch, dass vor allem eine klare und transparente Regelung fehlt. Wenn Werbung, dann muss das Angebot einen klaren Nutzenvorteil für die Studenten aufweisen. Auch für die Verunreinigung sollte nicht die Uni mit ihren ohnehin schon leeren Kassen aufkommen, sondern der Verteiler oder Standmieter selbst. Es wäre also angebracht, zusammen mit Vertretern von Uni, Studenten und Studentenwerk diese und weitere Richtlinien festzusetzen – zum Nutzen aller Seiten.

Letztendlich sollte jeder Einzelne sein Handeln überdenken und Gewinnspiele oder Verkaufsstände innerhalb des Campus weitestgehend ignorieren. Bis das passiert, wird in jeder Jenaer WG ein Tarantino- oder Toilet-Cam-Poster hängen, darauf verwette ich die mir zugesteckten Werbegeschenke der letzten Woche.

Erschienen im Akrützel Nr. 280 (zu finden überall in Jena oder hier)

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