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Einmal Mordor und zurück

Stacheldrahtzaun vorm Dreamland, gefährliche Flaggen und Trommler in Gummistiefeln – meine Reise nach Belarus im Protestherbst 2020.

Chapun beim Frauen­marsch

Eigentlich hatte ich mich von Demos fernhalten wollen, doch plötzlich stehe ich mitten drin:

Der allsamstägliche Frauenmarsch ist heute (26. September) auf dem zentralen Prospekt der Unabhängigkeit in Minsk unterwegs – dort, wo ich mein Quartier bezogen habe. Auch wenn alles friedlich ist, nehme ich die Unterführung, um die Straßenseite zu wechseln. Als ich diese keine Minute später auf der anderen Seite wieder verlasse, ist das Bild ein völlig anderes: Einige der Frauen suchen eilig in einem Café Zuflucht, andere verschwinden in den Hinterhöfen.

Am Straßenrand steht – wie aus dem Nichts erschienen – eine Reihe von Kleinbussen. Diese haben meist keine Nummernschilder, am Steuer sitzen Männer in Sturmhauben, die mehr nach Gangster als nach „Ordnungshüter“ aussehen. Das ist natürlich alles kein Zufall und sagt dir in recht klarer Sprache: Diese Leute sind keiner besonderen Rechenschaft pflichtig.

Chapun

Aus den Kleinbussen springen Einheiten mit Helmen und Sturmhauben, die zum Teil in die anliegenden Hinterhöfe ziehen. Viel kann man von der anderen Straßenseite nicht erkennen, dennoch fühle ich mich auf dieser deutlich wohler. Auf Telegram finden sich schnell Aufnahmen von Festnahmen gegenüber und vom Geschehen in den Höfen.

Wenn „Sicherheitskräfte“ ohne Erkennungsmarken aus dem Nichts auftauchen und ohne Vorwarnung Leute festnehmen – dafür haben die Belarussen sogar ein eigenes Wort: Chapun.

Belarus im Ausnahme­zustand

Bilder solcher und noch viel brutalerer Festnahmen von friedlichen Demonstranten konnte man in den vergangenen Wochen zuhauf aus Belarus sehen. Seit der massiv gefälschten „Wahl“ und der exzessiven Polizeigewalt im August ist das Land nicht mehr zur Ruhe gekommen.

Der Staat – in Form von Alexander Lukaschenko und seinen meist in schwarzer Kampfmontur auftretenden „Sicherheitskräften“ – zeigt sich von seiner finstersten Seite, schießt, prügelt, foltert. Große Teile des Volkes sind indessen bemüht, das genaue Gegenteil davon zu verkörpern: Viele kleiden sich demonstrativ in Weiß, man singt Войны света, Krieger des Lichts, und die zentrale Gestalt der Oppositions­bewegung heißt auch noch Swetlana, kurz: Sweta, so wie свет – das russische Wort für Licht.

Auf Facebook (übersetzt auf „Stimmen aus Belarus“) stellte sich neulich jemand vor, wie wohl eine Verfilmung der Ereignisse später bewertet würde – als überzogen und unrealistisch:

„Das Böse ist irgenwie zu böse und zu dumm geraten, das Gute zu schön und zu kreativ. Wie ein Märchen über den Kampf des Guten gegen das Böse.“

Die Ereignisse vom August haben mich – wie viele andere auch – in ihrer Wucht überrascht. Tage und Nächte lang habe ich die Entwicklungen im Land minutiös via Telegram und Online­medien verfolgt. Im Privaten wie im Beruflichen war Belarus plötzlich Thema Nummer eins.

Ich habe nach meinem Abitur für anderthalb Jahre in Minsk gelebt, habe dort im Rahmen eines Freiwilligen­dienstes in einem Heim für Kinder mit Behinderungen gearbeitet, bin seitdem regelmäßig in der Gegend unterwegs und übertreibe nicht, wenn ich Minsk als eine Art zweite Heimat beschreibe.

Und nun hatte ich trotz der intensiven Beschäftigung das Gefühl, dass ich allmählich einen Draht verliere zu vertrauten Menschen und Gegenden, wenn ich jetzt nicht dorthin fahre, mit Freunden über das Erlebte spreche, mir ein eigenes und unmittelbares Bild von den Geschehnissen mache – auch wenn ich bis zur letzten Sekunde gezweifelt habe, ob das eine gute Idee ist aktuell.

Kampf gegen Windmühlen Flaggen

Wenn ich mich nicht gerade mit Freunden getroffen oder an unserem „Dekoder“-Special über Russlanddeutsche weitergeschraubt habe, bin ich oft mit einem City-Bike durch die Stadt gekurvt. Ich habe bewusst Orte angesteuert, die in den vergangenen Wochen eine besondere Bedeutung erhalten haben.

Da wäre zum Beispiel der Wohnkomplex „Kaskad“ im Westen von Minsk. Die Anwohner hängen hier besonders eifrig weiß-rot-weiße Protest-Flaggen in ihre Fenster und zwischen die Häuser.

Kaskad

Und regelmäßig rücken Kräne und Leiterwagen in Begleitung maskierter „Ordnungshüter“ an, um die unliebsamen Flaggen zu entfernen.

Am Samstagabend nach dem Frauenmarsch bin ich hier mit zwei Freunden. Es spielt unangekündigt Pit Pawlow, Gitarrist der Rockband N.R.M., der neulich schon mit seiner Gitarre den Präsidentenpalast „stürmte“. Die Atmosphäre war unbeschreiblich:

Das finde ich überhaupt eines der beeindruckendsten Phänomene in Belarus aktuell: Dass die Leute gemeinsam mit ihren Nachbarn Feste feiern und sich zu Protestmärschen verabreden, dass sie den öffentlichen Raum vor ihrer Haustür als etwas wahrnehmen, das sie gemeinsam nach ihren Vorstellungen gestalten – und im Zweifelsfall eben auch verteidigen.

Zu den Pionieren in dieser Hinsicht zählen wohl die Anwohner vom Platz des Wandels – eigentlich ein unscheinbarer Spielplatz im Norden von Minsk mit einem Traffohäuschen, aus dem die Anwohner in den vergangenen Wochen eine regelrechte Kultstätte gemacht haben und hier regelmäßig Konzerte, Spiel und Spaß für groß und klein veranstalten.

Ploschtschad Peremen

Auch hier gibt es Streit mit Behördenvertretern um weiß-rot-weiße Flaggen und Dekobänder – vor allem aber um ein Graffiti auf dem Traffohäuschen, das schon unzählige Male überstrichen wurde. Mehr zur Geschichte des Platzes und seiner selbstbewussten Anwohner gibts auf „Dekoder“ und auf „Zeit Online“.

Minsker Sehens­würdig­keiten 2020

Eine weitere Station auf einer meinen Radtouren war das O’petit, ein kleines Café nahe der Metro-Station Nemiga.

Café O’petit

Anfang September suchten hier Demonstranten Zuflucht, während draußen maskierte Männer in Zivil mit Gummiknüppeln wüteten. Die maskierten Männer gehörten offenbar zu einer Einheit des Innenministeriums „zur Bekämpfung von organinsiertem Verbrechen und Korruption“ (ГУБОПиК), dessen Chef persönlich später die Glastür des Cafés zertrümmerte. An den Tagen nach den verstörenden Bildern kamen Hunderte Menschen und standen Schlange vor dem Café, um ihre Solidarität auszudrücken.

Weiter ging es an dem Tag zur Haftanstalt Okrestina – ein trauriger Inebgriff für den menschenverachtenden Umgang bis hin zu Folter, Demütigungen und Misshandlungen, von denen zahlreiche festgenommene Demonstranten nach den Protesten berichtet haben.

Haftanstalt in der Okrestin-Gasse

Auch als ich dort war, warteten Menschen vor dem Eingangstor des Gefängnisses, in der Hoffnung, ihre inhaftierten Angehörigen bald wieder zu sehen oder vielleicht überhaupt erstmal Genaueres über deren Verbleib zu erfahren. Im angrenzenden Park waren noch Teile eines Camps zu sehen, das Freiwillige hier zur Unterstützung der Freigelassenen eingerichtet hatten. In einem Pavillon wurden Sachspenden sortiert, ein paar Meter weiter hing ein Schild mit der Aufschrift „Psychologen“, gegenüber gab es einen Ort für Gebete.

Nicht weniger traurig war der Ort, den ich danach aufgesucht habe: Der Gedenkort für den Demonstranten Alexander Taraikowski, der in der zweiten Nacht der Proteste an der Puschkinskaja-Metrostation erschossen wurde.

Gedenkort für Alexander Taraikowski

Aus dem Innenministerium hieß es zunächst, Taraikowski habe einen Sprengkörper in Richtung der „Ordnungshüter“ werfen wollen, welcher dann in seiner Hand explodiert sei. Augenzeugen widerprachen dieser Darstellung, später aufgetauchte Videos zeigen, dass Taraikowski unbewaffnet war und erschossen wurde.

Menschen bringen immer wieder neue Blumen an den Ort des ersten Todesopfers während der Proteste in Belarus, auch wenn diese regelmäßig entfernt werden. Immer wieder schrieben Unbekannte Losungen wie „Не забудем – Kein Vergessen“ auf den Gehweg, die jedoch stets aufs neue übermalt wurden, wie aus der Ferne gut ersichtlich ist:

Gedenkort für Alexander Taraikowski

Ich selbst habe ein Jahr lang an der Puschkinskaja-Metrostation gewohnt, die Orte sind mir bestens vertraut, darum sind mir die Bilder des massiven Gewalteinsatzes von Seiten der Polizei und von Sondereinheiten dort besonders nahe gegangen. Hier das Haus, in dem ich damals gewohnt habe – mit einem neuen Graffiti:

Das Haus, in dem ich damals gewohnt habe.

Von hier machten übrigens noch andere Bilder die Runde, die ikonisch für die Zivilisiertheit des Protests in Belarus wurden: Sie zeigen, wie Demonstranten extra vorher ihre Schuhe ausgezogen hatten, bevor sie eine Sitzbank bestiegen haben. Das hier ist die berühmte Bank:

Sitzbänke an der Puschkinskaja-Metro

Mordor neben Dreamland

Am Sonntag (27. September) ist wieder ein großer Protestmarsch in Minsk. Seit der Wahl im August sind bislang jeden Sonntag Hunderttausende in ganz Belarus auf die Straße gegangen. Nach der heimlichen Amtseinführung von Alexander Lukaschenko am Mittwoch zuvor soll heute die Einführung von Swetlana Tichanowskaja gefeiert werden, die – so sehen das die Demonstranten – die eigentliche Präsidentin des Landes ist und nur durch massive Stimmenmanipulation um ihren Wahlsieg gebracht wurde.

Einen belarussischen автозак (Gefangenentransporter) muss ich nicht von innen sehen, auch will ich keine Wette auf den schnellen Untergang des Regimes machen und ein Einreiseverbot riskieren. Also beschließe ich, nur durch die Stadt zu radeln und die Stimmung unterwegs aufzuschnappen. Über meine Kopfhörer läuft quasi in Dauerschleife Viktor Zoi mit der passenden Textzeile „Следи за собой, будь осторожен – Pass auf dich auf, sei vorsichtig“. Übrigens ein genialer Song, um gemütlich durch die Stadt zu cruisen:

Mein Ziel ist das Minsker Meer am nord­westlichen Stadtrand. Am Ufer der Swislotsch unweit des Kriegsmuseums sammeln sich die Menschen in Gruppen und scheinen auf den Beginn des Marsches zu warten. Ich fahre weiter gen Westen hinaus, unterwegs kommen mir immer mehr Menschen entgegen.

In der Stadt treffe ich übrigens immer wieder auf solche Müllcontainer – beschriftet mit „OMON“ und den Bezeichnungen anderer Sondereinheiten:

OMON-Müllcontainer

Was Horst Seehofer wohl dazu sagen würde?

In Shdanowitschi am Stadtrand mache ich Halt, um ein wenig über den gigantischen Markt dort zu schlendern. Als ich gerade das Rad mechanisch verriegelt habe, merke ich, dass ich einen Fehler gemacht habe: Öffnen kann ich das Rad nur über die App. Und die braucht Internet. Und genau das wird während der Demonstrationen großflächig runtergefahren – offenbar auch am äußersten Stadtrand, wie ich nun festgestellt habe.

Shdanowitschi-Markt

Ich laufe über den heute nicht sonderlich belebten Markt auf der verzweifelten Suche nach einem W-LAN, über das ich mein Fahrrad wieder entriegeln könnte. Den Verkäufern, die ich frage, kann ich mit meinem Problem nur ein müdes Lächeln entlocken:

„Du kommst nicht von hier, oder?“

(Kleiner Tipp am Rande: Wer saftige russische Flüche hören will, der frage mal einen Yandex-Taxi-Fahrer nach seiner Meinung zu den sonntäglichen Internetsperren …)

Nach einer guten Stunde ist endlich Rettung in Sicht: Am hinteren Ende des Marktes gibt es ein KFC-Imbiss mit funktionierendem W-LAN! Ich schleife mein verriegeltes Rad über den wirklich nicht kleinen Markt bis direkt in die KFC-Filiale rein (überhaupt keine überraschten Blicke, bin wohl nicht der erste mit dieser Idee) und – hurraa! – ich kann es öffnen!

Ich fahre zurück in die Stadt, wieder mit Zoi auf den Ohren, doch die Route, die ich mir grob überlegt hatte (GoogleMaps & Co klappt ja auch nicht), hat einen Haken:

Wenn Soldaten und Sondereinheiten mit Stacheldraht­zaun vor dir auftauchen, will das heißen: Hier geht es nicht weiter. Und das direkt vor den Toren des Freizeitparks mit dem bezaubernden Namen „Dreamland“.

Bei Nachbarschafts-Konzerten wie dem im „Kaskad“-Hof mit Pit Pawlow mag man sich leicht der Illusion hingeben, man würde sich irgendwie schon in einem neuerwachten, freien Land bewegen. Szenen wie diese holen einen jedoch schnell wieder zurück auf den Boden der Tatsachen:

Das Gewaltmonopol geht in diesem Land nach wie vor von einem Regime aus, das sich vor allem auf physische Gewalt und Abschreckung stützt, das politische Gegner stumpf hinter Gitter sperrt und das friedlichen Demonstranten – die eigentlich nur faire Wahlen und wie Menschen behandelt werden wollen – statt Dialog nur Stacheldraht­zaun und Gewalt bieten kann.

Ich denke in diesen Tagen oft an Ziemowit Szczereks höchst lesens­werten Roman Mordor kommt und frisst uns auf (in der höchst lesens­werten Übersetzung von Thomas Weiler) über den Osten und seine Klischees. Einer der Protagonisten spricht dort von einem „antiästhetischen Haudraufregime, aufgeblasen zur magisch-totalitären Machtmaschinerie“ mit einem „bösen, allwissenden Finsterling von Führer“ – im Fall von Belarus hat man manchmal das Gefühl, dass das Regime diesem Mordor-Klischee möglichst nahekommen möchte.

Was die Menschen hier von ihrem lokalen Sauron und seinen Orks halten, kann ich später des Tages an einer Marschrutka-Haltestelle im Zentrum von Minsk erleben:

Kolonnen von Militär- und Polizeifahrzeugen, Wasserwerfern und Gefangenentransportern auf dem zentralen Prospekt der Stadt – das sind Bilder, die für die Menschen in Minsk inzwischen zu einem ganz normalen Sonntag dazu gehören.

Was mich beeindruckt hat: Sobald irgendwo Polizeifahrzeuge auftauchen, führt das in der Regel zu Hupkonzerten und erregten „Faschisten!“- und „Schande!“-Rufen der Umherstehenden.

Witebsk und das Sprava-Festival

Unter der Woche, so muss man allerdings sagen, fühlt sich das Leben für mich erstaunlich „alltäglich“ an. So dass man manchmal sogar fast vergessen könnte, welch gravierende Veränderungen dieses Land derzeit durchmacht.

Andererseits wirken die erzählten Geschichten auf mich manchmal noch verstörender als die schon ziemlich verstörenden Bilder aus den Online­medien. Etwa wenn ein Bekannter aus Minsk sehr lebhaft erzählt, wie er mit Freunden bei einer Protestaktion war: Plötzlich taucht ein Van neben ihnen auf, die Schiebetür öffnet sich und die innen sitzenden „Ordnungshüter“ eröffnen umgehend das Feuer mit Gummigeschossen.

Oder die Geschichte meines Freundes Wowa, den ich in Witebsk besuche: Er steht gerade an einer Imbiss­bude an, als plötzlich Provokateure auftauchen, die ihn in eine Rangelei verwickeln. Wowa wendet sich an die Polzei, sie fahren gemeinsam durch die Stadt, um die Angreifer zu finden – erfolglos. Stattdessen wird Wowa selber festgenommen – und muss schließlich 10 Tage in einer Haftanstalt absitzen für ein „Vergehen“, das schon eine Weile zurück liegt: Er war mit Freunden und Trommeln auf die Straße gegangen zum Demonstrieren.

Auf dem Rückweg von Witebsk mache ich noch halt in einem Ort namens Belaja Zerkow. Dort hätte in diesem Sommer das Sprava-Festival stattfinden sollen, das Corona-bedingt jedoch ausfallen musste. Stattdessen geben nun regelmäßig belarussische Bands und Musiker Konzerte auf einem Floß im See, die live per Youtube übertragen werden.

Das Gelände des Sprava-Festivals

Heute spielt die Band Petlja Pristrastija. Mit Petlja-Schlagzeuger Ljoscha habe ich damals, vor 14 Jahren, im selben Heim gearbeitet.

Ljoscha mit Gummistiefeln

Und heute durfte ich – was man übrigens im Livestream gar nicht sieht – Zeuge davon werden, wie Ljoscha sein erstes Konzert mit Gummistiefeln gespielt hat.

Das Konzert war definitiv eines der sonderbarsten, die ich je erlebt habe. Während einer meiner wohl bislang sonderbarsten Reisen in einem ohnehin ziemlich sonderbaren Jahr.

Ich bin froh, dass ich diese Reise unternommen habe.

Der Beitrag erschien zuerst auf „danila morkovkin.blog“, dem persönlichen Blog von Daniel Marcus.

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