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Wir haben feldgeforscht


Ausgeschlafen nach der ersten Nacht zurück in Tbilissi und frisch geduscht ist nun endlich Zeit sowie vor allem ein Internetanschluss vorhanden, um die letzten Wochen in Kachetien zu rekapitulieren. Untergebracht waren wir in einem Gästehaus der evangelischen Kirche in Kwareli, einem rund 9.000 Einwohner großen Weinstädtchen. Jeweils rund eine Woche fuhren wir dann Tag für Tag in die nur wenige Fahrminuten entfernten Dörfer Chantliskure und Zinobiani. Obwohl die zwei Siedlungen nur wenige Kilometer auseinanderliegen, könnten sie unterschiedlicher nicht sein:

Chantliskure wird fast aussschließlich von muslimischen, Transhumanz ausübenden Awaren bevölkert, die sehr enge verwandtschafliche Beziehungen innerhalb des Dorfes und nach Dagestan pflegen. Vor dem Schließen der georgisch-russischen Grenze konnte man in einem Tagesmarsch über die Berge dorthin wandern.  In Zinobiani hingegen leben die christlichen Uden, die kaum noch ihre Muttersprache sprechen.  Sie haben sich in Georgien in die Gesellschaft integriert, so haben sie nicht nur mehrheitlich einen georgischen Namen angenommen, vor allem die Jüngeren sprechen aussschließlich nur noch georgisch. Auch sind viele Kinder in die Hauptstadt oder sogar das Ausland gegangen.

Das Awarische wie das Udische gehören aber zur gleichen Sprachgruppe der Nordostkaukasischen Sprachen.  Soviel zur Theorie, die Praxis war deutlich spannender, obwohl die Bilder naturgemäß nur wenig von der Herzlichkeit und Offenheit der Menschen dort zeigen können. In beiden Dörfern wurden wir – trotz unseres manchmal großen Arbeitsumfangs (manchmal brauchten wir fünf Stunden zum Ausfüllen eines Fragebogens, was nicht nur unsere Ausdauer, sondern vor allem die der Leute strapazierte) – mit Essen und Getränken umsorgt, die Familiengeschichten wurden uns offen gelegt oder wir durften auf Pferden. Zum Teil fühlte man sich am Ende sogar fast als Familienmitglied.


Chantliskure: Am Ende des Sommers werden die Schafe geschoren. Nicht nur alle Familienmitglieder, sondern auch die Nachbarn packen mit an. Am Abend wird dann ein kleines Fest für alle Helfer organisiert.


Chantliskure: Je mehr Schafe ein Hirte oder eine Familie besitzt, desto höher ist das Prestige. Auf dem Markt werden die lebenden Tiere für 120 Lari angeboten.


Chantliskure:  Zusammen mit zwei älteren Frauen wird der Fragebogen ausgefüllt. Dieser weit über 100 Bezeichnungen, die in der jeweiligen Muttersprache abgefragt werden müssen. Als Übersetzungssprache dient meistens das Georgische, manchmal Russisch.


Chantliskure: Besprechung


Chantliskure: Frisches Schafsfleisch wird für die Gäste – uns – aufgepießt und gegrillt.


Chantliskure: Eine vollgepackte Tafel wird uns aufgetischt, nur der gastgebende Mann nimmt mit uns Platz. Er sagt einen Toast und wir lassen uns das frisch gegrillte Schafsfleisch, Brot und Gemüse schmecken. Die Leute leben zwar in sehr bescheidenen Verhältnissen, aber jeder Gast wird fürstlich behandelt. Manchmal ist es schwer das anzunehmen, aber eine Absage würde die Menschen schwer kränken.


Chantliskure: Unser Professor, Elguja Dadunashvili, beim Gespräch mit dem Besitzer der Schafsherde (Mitte) und weiteren Helfern.


Chantliskure: Man erkundigt sich nach dem Weg.


Chantliskure: Mittagstisch bei einer awarisch-russischen Familie.


Chantliskure: Anfertigen des Stammbaums der Familie – deutlich umfangreicher als meiner…


Chantliskure: Im Gespräch mit Kristina, Tochter einer Russin und eines Awaren. Als eine von wenigen im Dorf ist sie Christin, sie war sogar für drei Jahre in einem babtistischen Internat in der Ukraine.


Chantliskure: Etienne und Sopio machen Pause vor der Moschee.


Chantliskure: Beim Freitagsgebet, welches hauptsächlich von jungen Muslimen besucht wurde.

Chantsliskure: Mittagstisch beim Mullah.


Chantliskure: Abgleich der Fragebögen mit dem Rektor der Dorfschule und einem weiteren Dorfbewohner.


Zinobiani: Ausfüllen eines Fragebogens, diesmal aber auf udisch.


Tivi: Pause im Mittelpunkt des kreisförmig angelegten Dorfprojektes für adjarische Flüchtlinge. Das das Projekt kläglich gescheitert ist, zeigen nicht nur die Bauruinen, sondern auch der Umstand, dass Kühe auf dem Platz grasen, der eigentlich als Friedhof vorgesehen war.


Zinobiani: Kartografierung jedes einzelnen Hauses des Dorfes mit Hilfe einer udischen Lehrerin in der Dorfschule. 

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