Lesosibirsk

Lesosibirsk
Holz, davon gibt es in Sibirien reichlich.

Nachdem ich die anderen Himmelsrichtungen von Krasnojarsk aus bereits bereist hatte (Kansk im Osten, Abakan und Minusinsk im Süden sowie Nowosibirsk, Tomsk und Taiga im Westen), ging nun die letzte Reise gen Norden. Anders als bisher gewohnt, musste ich diesmal auf den Bus umsteigen. Denn nur bis zum Sommer 2013 war das etwa 300 Kilometer nördlich von Krasnojarsk gelegene Lesosibirsk noch mit dem (Nacht-)zug zu erreichen.

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Ein Glückwunsch an sich selbst zum 40.: „Alles Gute zum Geburtstag, Lieblingsstadt!“

Immerhin ist die Fahrzeit mit dem Bus mehr als doppelt so schnell und beträgt etwa 4,5 Stunden. Die Fahrt geht flotter voran als gedacht, wobei aber der Ausblick bereits nach kurzer Zeit eintönig wird – eine Reise durch Brandenburg dürfte deutlich abwechslungsreicher sein. Deshalb bleibt genug Zeit, um ein Nickerchen zu halten sowie meine Gastgeber Ekaterina und Sergej über meine Ankunftszeit auf dem laufenden zu halten. Zusätzliche Herausforderung ist der „Absprung“ am richtigen Busbahnhof in Lesosibirsk.

Aber auch das glückt, obwohl mein Ziel ohne gewohnte Kennzeichnung auskommt und eher wie ein größerer Parkplatz ausschaut. Die fehlende Beschilderung macht aber zugleich Sergej wett, der mich mit einem A4-Ausdruck meines Namens empfängt. Zusammen machen wir uns auf den Weg zur Wohnung. Der schon etwas betagte Stadtbus zuckelt durch endlos lang wirkende Straßen, so dass einem relativ schnell die Dimensionen Lesosibirsks klar werden.

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Das Denkmal, dass an die Stadtgründung 1975 erinnert, wurde zum 10-jährigen Jubiläum 1985 aufgestellt. Es symbolisiert den Zusammenschluss von Jenissei und Angara.

Zwar hat die Stadt nur 60.000 Einwohner, jedoch zieht sie sich knapp 20 Kilometer am linken Jenissei-Ufer entlang. Die Ortsbezeichnung stammt vom russischen „Les“, Wald, ab. Denn Lesosibirsk war und ist ein bedeutender Umschlagplatz für Holz und gilt (zumindest laut Wikipedia) als russische „Hauptstadt der Holzindustrie“ – ohne Frage ist es aber das Zentrum der Holzindustrie in der Region Krasnojarsk (die flächenmäßig fast sieben Mal so groß wie Deutschland ist). Begünstigt wird das vor allem durch die Lagen, einige Kilometer südlich fließen die mächtigen Ströme von Angara und Jenissei zusammen. In den zahlreichen Sägewerken Lesosibirsks wird das Holz dann entweder weiterverarbeitet, um es auf die Schiene zu verlagern oder es wird per Schiff weiter gen Norden transportiert.

Die jetzige Stadt ist allerdings relativ jung, erst seit 1975 trägt sie den heutigen Namen. Vor genau 40 Jahren wurden die Orte Maklakowo und Nowomaklakowo zu Lesosibirsk zusammengeschlossen, wobei man sich dem Gründungsmythos in der Stadtchronik zufolge bei der Namensgebung an Nowosibirsk orientierte. Maklakow heißt das Flüsschen, dass das heutige Lesosibirsk im nördlichen Teil durchquert. An seinen Ufern entstand Mitte des 17. Jahrhunderts Maklakowo. Doch erst ab Anfang des 20. Jahrhundert etablierte sich die Forstwirtschaft, die dann unter den Sowjets sukzessive und massiv ausgebaut wurde und damit letztendlich zur (Neu-)gründung von Lesosibirsk führte.

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Die Kreuzerhöhungskathedrale: Erst im Jahr 2002 eingeweiht, erinnert sie ein wenig an die bekannte Moskauer Basilius-Kathedrale.

Zu Hause am anderen Ende der Stadt angekommen, wird groß aufgekocht. Denn Ekaterina und Sergej haben noch ein befreundetes Pärchen zum Essen eingeladen. Das Hauptgesprächsthema ist dabei Bier: Sergej würde gerne selber welches brauen und einmal im Leben das Oktoberfest besuchen. Als ich ihm die dortigen Bierpreise vor Augen führe, möchte er zwar nach wie vor an seinem Wunsch festhalten, nur Ekaterina würde das Geld vermutlich anderweitig ausgeben – immerhin werden die beiden im Sommer heiraten. Der Abend endet mit einer Partie Bingo – wobei das Spiel in Russland „russisches Lotto“ heißt, anstatt mit Kreuzen werden dabei die bereits gezogen Zahlen mit einem Miniaturfässchen gekennzeichnet. Thematisch bleiben wir also dem Gerstensaft treu.

Der folgende Tag begrüßt den Gast mit reichlich Regen, der auch den Tag über nicht aufhören sollte. Es bleibt also Zeit genug für ein ausgeprägtes Frühstück. Doch vom Nass lassen wir uns nicht aufhalten, schließlich wollen mir meine beiden Gastgeber die Stadt zeigen. Natürlich kann Lesosibirsk nicht mit Sehenswürdigkeiten glänzen, abgesehen von der riesigen backsteinroten Kreuzerhöhungskathedrale die man wohl landläufig als das alleinige Highlight der Stadt bezeichnen würde. Doch dafür bin ich auch gar nicht dorthin gereist, viel mehr interessiert mich das „normale“ Leben in einem gewöhnlichen sibirischen Städtchen. Welches im Falle von Lesosibirsk zugegebener Maßen erheblich vom Holz geprägt ist: Neben etlichen Plattenbauten für die (ehemaligen) Arbeiter der Sägewerke oder des Hafens, sind hier und da einige ältere Holzbauten auszumachen. Vor allem entlang der alten Hauptstraße, dem heutigen Siegesprospekt, säumen diese die Straßenseiten und weisen den Weg zum Holzkombinat, dass sich an dessen Ende empor hebt. Und nicht zuletzt blickt man vom Ufer auf endlose Baumstammreihen, die auf den Abtransport wartend im Jenissei treiben.

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Der ehemalige Maklakowoer Holzverarbeitungskomplex

„Nach dem Rundgang machen wir einen Männerabend“, sagt Sergej und überreicht mir einen Beutel mit zwei Handtüchern. Es geht in eine öffentliche Banja, zusammen mit Sergejs Bruder Igor und Kumpel Witalij. Igor wartet bereits mit einer angebrochenen Flasche Bier in der Schwitzstube auf uns. Er spricht sogar ein paar Brocken Englisch – immerhin unterrichtet er die Sprache neben weiteren Fächern in der lokalen Grundschule. Schnell verstehen wir uns, Dampf, Birkenduft und Bier sorgen für eine lockere, angenehme Atmosphäre. Igor bietet mir an, mich standesgemäß mit dem Wenik, zusammengebundenen jungen Birkenzweigen, zu bearbeiten. Diese Gelegenheit lasse ich mir natürlich nicht entgehen.

Ich lege mich auf die oberste Pritsche des Dampfbads. Von unten bringt mich jeder neue Aufguss zum schwitzen, von oben schlägt Igor mit dem Wenik auf meinen Rücken – kräftig aber nicht schmerzhaft. Ein Gefühl zwischen gegrillt werden und angenehmen Kribbeln stellt sich ein. Nach einigen Minuten ist die Prozedur aber schon wieder zu Ende – sonst mache das Herz schlapp, meint Igor. Nun folgt die Abkühlung von außen und innen. Das kühle Bier im Aufenthaltsraum schmeckt gleich doppelt so gut, noch drei weitere Saunagänge folgen. Wobei Sergej festhält, dass man keineswegs in einer Sauna sei, sondern in einer richtigen russischen Banja, die aus mir einen „richtigen russischen Mann“ machen würde. Ich glaube ich schlage mich ganz tapfer, immerhin besuchen meine drei Banja-Brüder mindestens einmal die Woche das Dampfbad.

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Siegesprospekt: Die alte Hauptstraße von Maklakowo

Zum Abendessen fahren Ekaterina, Sergej und ich mit dem Taxi in ein deutsches Restaurant – oder zumindest das, was die Russen dafür halten. Laut Menü gibt es zwar „Eis Ban“, doch im Prinzip ist die Auswahl vor allem slawisch, von Ćevapčići bis Schaschlik. Typisch russisch ist hingegen die Tanzfläche inmitten des Gastraums, eine eigene DJane (die auf der Rechnung extra ausgewiesen wird) bespielt in unserem Fall die Gäste. Da ist aber das Taxi für die Rückfahrt schon längst bestellt, immerhin soll es am nächsten Tag früh weiter nach Jenisseisk gehen – wieder wollen mich Ekaterina und Sergej begleiten.

Während wir auf unseren Fahrer warten, fällt mir auf, dass es trotz der späten Uhrzeit um kurz nach 22.30 Uhr immer noch nicht dunkel ist. Für Weiße Nächte muss man bekanntermaßen nicht unbedingt nach Sankt Petersburg, auch in der Provinz ist der Himmel hell – soweit man eben weit genug nördlich ist.

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